Costa Nachrichten | Costa Blanca Nachrichten | Gesamt CBN Juni 2010
Leben mit Alkohol bis in den Tod
Ein Ex-Trinker bekennt
Der Kampf gegen die Sucht – Wie Udo Stark sich und anderen hilft
Jávea – sk. Dieser Tage sieht er im Fernsehen den Jägermeister-Hirsch im Fahrstuhl hochfahren. Udo Stark fuhr 22 Jahre lang nach unten. Als er am Boden ankam, ertrank er jeden Tag aufs Neue in einem Kasten Bier und ’ner Pulle Korn. Mit Leberwerten von 2.800 und zitternden Fingern trat er den Entzug an. „Eine halbe Tasse Kaffee war zu voll für mich", sagt der 57-Jährige aus Jávea. Sechs Jahre später: Seine Leberwerte liegen bei 36.
82 Millionen Deutsche, über 1,5 Millionen Alkoholiker, eine Lüge. Jeder Süchtige spült wie Stark eine Familie, Frau, Kind, Haus und Beruf mit weg. Was es heißt, Co-Abhängiger zu sein, erfuhr Stark schon als Kind. „Geh Bier anschaffen, oder es gibt was auf die Fresse." Die Sprache kennt Udo Stark von Kindesbeinen an. „Ein harter Hund", sein Buch, erzählt von einem Leben, durch das sich der Alkohol wie ein roter Faden zieht. Die Schläge vom Vater und die paar Bier mit den Bergbaukumpels nach der Zeche. Selbst in dieser rauen Welt ist der Weg in den Alkoholismus sanft. Man merkt es gar nicht, wenn man ihn betritt. Das Machogehabe mit den Jungs, ein paar Kroneberger intus, und gleich ist man viel lockerer drauf. Bis die Partnerin merkt, da stimmt was nicht. Da war es für Udo Stark längst zu spät.
Udo Stark kam dem Alkohol beim Schreiben auf die Spur. „Das Traurigste war zu merken, dass ich nicht viel besser als mein Vater war", sagt er. Gewalttätig war er zwar nie, er zerstörte dennoch viel. Die Wende in seiner Trinkerkarriere kam, als die Tochter ihn zum ersten Mal nach 12 Jahren aufsuchte und er ihr nicht nüchtern gegenübertreten konnte. Von dem Augenblick an trank Stark sich fast in den Tod. „Je mehr du auf die Fresse kriegst, desto mehr trinkst du." Seine Tochter hielt dennoch zu ihm. Lange Gespräche mit ihr und seiner zweiten Frau brachten ihn dazu, in eine Entzugsklinik zu gehen. Drei Wochen später kam er trocken wieder heraus. Kein Rückfall, keine Langzeittherapie.
Er ist stolz auf seine Standfestigkeit. „Ich würde sonst nicht hier sitzen. Ich habe 22 Jahre im Nebel gelebt. Heute kann ich mich darüber erfreuen, was ich sehe", sagt er. Aus dem Loch, in dem er steckte, kommt man alleine schwer wieder heraus. Seit er trocken ist, richtet Stark seine Energie darauf aus, anderen Süchtigen und Sozialwaisen zu helfen.
Die Diskriminierung der Alkoholiker gegenüber anderen Kranken macht ihn wütend. „Viele wissen nicht, wie schlimm das ist. Es ist keine Grippe, die wieder geht. Der Alkohol begleitet mich bis in den Tod." Nun möchte er eine Finca anmieten und suchtgefährdeten Jugendlichen helfen, während ihres Aufenthalts wieder Vertrauen zu sich und ihrer Umwelt aufzubauen. „Ich kann nur eine Tür öffnen, durchgehen muss jeder selbst."Udo Stark ist wieder draußen, „in der freien Wildbahn". Viele warten auf seinen Rückfall. Die Flasche Bier hat er im Hinterkopf, den Plopp des Kronkorkens im Ohr, der Alkohol ist im Paradies der Dauerurlauber omnipräsent. „Die Pegeltrinker sind am schlimmsten. Das Glas Wein gehört zum Standard. Niemand denkt nach, ob es auch ohne geht, ob er es braucht, um gut gelaunt zu sein", sagt er. Es sind immer die drei Bier, die nichts ausmachen. „Wer das sagt, ist hohl im Kopf." So offen spricht Udo Stark das fast nie aus. Er steht einfach auf und geht, wenn er in einer fröhlichen Runde anfängt, sein Wasser so schnell zu trinken wie andere ihr Bier. Stephan Kippes CBN